Begegnung, Erinnerung und gelebte Vielfalt – Interreligiöse Studienfahrt nach Sarajevo

Vom 15. bis 20. September 2026 nahmen Schüler:innen der Gesamtschule Münster Mitte an einer interreligiösen Studienfahrt in Kooperation mit der Universität Münster nach Sarajevo teil. Die Reise wurde unter Beteiligung des Antisemitismusbeauftragten der Universität Münster sowie der Fakultät für Islamische Theologie und der Katholisch-Theologischen Fakultät organisiert. Gemeinsam mit Studierenden und weiteren Angehörigen der Universität Münster machte sich die Gruppe auf den Weg nach Bosnien und Herzegowina. Der interreligiöse Charakter der Fahrt spiegelte sich dabei nicht nur in christlichen und muslimischen Perspektiven wider, sondern bezog auch jüdisches Leben und jüdische Perspektiven ausdrücklich mit ein.

Mit der Gruppe reiste zudem Sylvia Löhrmann, die Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur. So kamen bereits innerhalb der Reisegruppe unterschiedliche religiöse, wissenschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven miteinander ins Gespräch. Die Teilnahme der Schüler:innen wurde durch das Bistum Münster, Abteilung Weltkirche, gefördert.

Im Mittelpunkt der Studienfahrt standen Begegnungen mit den verschiedenen Religionsgemeinschaften, die Auseinandersetzung mit der Geschichte Bosnien und Herzegowinas und die Frage, wie religiöse Vielfalt und gesellschaftliches Zusammenleben gestaltet werden können.

Schon die ersten Eindrücke in Sarajevo machten eine Besonderheit der Stadt unmittelbar erfahrbar: Moscheen, katholische und orthodoxe Kirchen sowie Synagogen prägen seit Jahrhunderten gemeinsam das Stadtbild. In Gesprächen mit Vertreter:innen der Islamischen Gemeinschaft, der Jüdischen Gemeinde und des Interreligiösen Rates sowie bei Besuchen verschiedener Gotteshäuser lernten die Schüler:innen ein Miteinander kennen, in dem religiöse Verschiedenheit an vielen Stellen mit großer Selbstverständlichkeit gelebt wird.

Besonders eindrücklich war dabei die Erfahrung, dass Vielfalt nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Bereicherung verstanden werden kann. Die Begegnungen vor Ort zeigten, wie gegenseitiger Respekt, persönlicher Austausch und gewachsenes Vertrauen dazu beitragen können, Unterschiede anzuerkennen und zugleich das Gemeinsame in den Blick zu nehmen. Die räumliche Nähe der Gotteshäuser in Sarajevo wurde so auch zu einem sichtbaren Zeichen für eine über lange Zeit gewachsene religiöse und kulturelle Vielfalt.

Gleichzeitig führte die Studienfahrt eindringlich vor Augen, dass die Geschichte Bosnien und Herzegowinas von Krieg, Gewalt und tiefen Verlusterfahrungen geprägt ist, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen. In der Galerie 11/07/1995 setzte sich die Reisegruppe mit dem Genozid von Srebrenica auseinander. Am folgenden Tag führte die Fahrt nach Srebrenica und Potočari, wo die Schüler:innen den Friedhof und das Srebrenica Memorial Center besuchten. Besonders bewegend war die Gelegenheit, dort mit überlebenden Müttern von Srebrenica ins Gespräch zu kommen und ihren persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen zuzuhören. Diese unmittelbare Begegnung verlieh der Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen eine sehr persönliche Dimension und machte zugleich deutlich, welche Verantwortung mit dem Erinnern an die Opfer verbunden ist.

Der Besuch in Srebrenica gehörte zu den eindrücklichsten Erfahrungen der gesamten Reise. Er zeigte, wie wichtig Orte des Erinnerns, die Stimmen von Überlebenden und die Weitergabe ihrer Erfahrungen an nachfolgende Generationen sind. Zugleich wurde deutlich, dass Erinnerung, Verständigung und der Umgang mit unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven auch heute fortdauernde gesellschaftliche Aufgaben darstellen.

Die Reise eröffnete dabei nicht nur historische, sondern auch politische Perspektiven. In Gesprächen und gemeinsamen Reflexionen beschäftigte sich die Gruppe damit, wie das Zusammenleben in einer Gesellschaft gestaltet werden kann, die durch unterschiedliche religiöse und kulturelle Traditionen geprägt ist und zugleich mit den Folgen der Konflikte der 1990er-Jahre umgehen muss. Gerade vor diesem Hintergrund erhielten die zahlreichen Beispiele gelebter interreligiöser Zusammenarbeit eine besondere Bedeutung.

Zu den weiteren Stationen gehörten die katholische und die orthodoxe Kathedrale, die Gazi-Husrev-beg-Moschee, das Jüdische Museum sowie Begegnungen mit jungen Menschen und Studierenden aus Bosnien und Herzegowina. Ein Workshop bei der Konrad-Adenauer-Stiftung bot darüber hinaus Gelegenheit zum Austausch mit Stipendiatinnen und Stipendiaten sowie Alumni. Gemeinsam mit Sylvia Löhrmann wurden dort Fragen des interreligiösen Dialogs und einer verantwortungsvollen Erinnerungskultur diskutiert.

Für die Schüler:innen war die Studienfahrt damit weit mehr als eine Begegnung mit einem anderen Land. Sarajevo machte erfahrbar, wie eng Religion, Geschichte, Politik und gesellschaftliches Zusammenleben miteinander verbunden sind. Besonders in Erinnerung bleibt die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Eindrücke: die große Selbstverständlichkeit, mit der religiöse Vielfalt vielerorts zum Alltag gehört, die Offenheit und Gastfreundschaft in den persönlichen Begegnungen – und zugleich die Konfrontation mit einer Geschichte von Krieg und Gewalt, deren Spuren noch immer präsent sind.

Gerade diese Erfahrungen regten zum Nachdenken darüber an, was friedliches Zusammenleben braucht: die Bereitschaft zur Begegnung, das Interesse am anderen, den respektvollen Umgang mit Unterschieden und eine Erinnerungskultur, die das Vergangene nicht ausblendet. Die Studienfahrt nach Sarajevo hat dafür viele intensive Eindrücke und Denkanstöße mit auf den Weg nach Münster gegeben.