OBERSTUFE

Projekte

Zusatzkurs Geschichte - Q2

Zu Beginn des Schuljahres erfuhren wir an der Gesamtschule Münster Mitte über Herrn Peter Schilling vom Verein „Spuren Finden“ e. V., dass der Wunsch besteht, hier auf dem Schulgelände Stolpersteine für zwei Sinti-Familien zu verlegen, die früher hier auf dem Schulgelände lebten. Von hier wurden sie 1943 nach Auschwitz deportiert und dort von den Nationalsozialisten ermordet.

Schnell war klar, dass dies ein spannendes Projekt für den Zusatzkurses Geschichte der Jahrgangsstufe Q2 sein könnte. Neben der Vorbereitung der Veranstaltung zur Einlassung der Stolpersteine, die nach einer coronabedingten Verschiebung nun am 12.06.2021 um 11 Uhr stattfinden wird, haben wir auch Projektarbeiten erstellt, die das Thema multiperspektivisch in den Blick nehmen.

Am Anfang des Kurses wurde zunächst der theoretische (historische) „Unterbau” erarbeitet. Daraufhin bildeten sich je nach Interesse Gruppen, die zu verschiedenen Themen forschten. In diesem Zuge sind verschiedene Produkte entstanden: ein Podcast die Geschichte der Sinti und Roma, ein Beitrag zur Geschichte des Kuhviertels und seiner sozialhistorischen Zusammensetzung, Broschüren über die Kultur der Sinti und Roma sowie über Vorurteile gegenüber Sinti und Roma sowie ein Plakat über Ideologien im Allgemeinen und mit besonderen Blick auf die der Nationalsozialisten. Um die deportierten Familien in den Blick zu nehmen und die Erinnerung an sie auch über die Stolpersteine hinaus wachzuhalten, verfasste eine Gruppe Gedenkblätter, die in der Villa ten Hompel in einem Gedenkbuch gesammelt werden.

Für all diese Forschungsprojekte waren die Schüler*innen mit vielen verschiedenen außerschulischen Orten, Personen und Institutionen in Kontakt: Archiven, Nachbar*innen, einer Nachfahrin der Sinti-Familie, Archäolog*innen, dem Katasteramt, diversen (Uni-)Bibliotheken Münsters und vielen mehr.
Herausgekommen sind vielfältige Ergebnisse zu den verschiedenen Forschungsprojekten, die wir an dieser Stelle vorstellen möchten. Dabei handelt es sich um Gedenkblätter, die im Folgenden gezeigt werden, einen Podcast und viele weitere spannende Projekte.  

Die Familien Wagner im Kuhviertel
 

Im Rahmen eines Zusatzkurses Geschichte der Jahrgangsstufe Q2 der Gesamtschule Münster Mitte beschäftigten wir uns mit dem Schicksal Münsteraner Sinti-Familien. Daher geht es in diesen Gedenkblättern um die Sinti-Familie Wagner, die zur Zeit des Nationalsozialismus in der Brinkstraße 6/7 in Münster gelebt hat. Dieses Haus findet sich in alten Stadtplänen sogar unter dem Begriff „Zigeunerhaus“. Dort stehen heute unter anderem die Gebäude der Gesamtschule Münster Mitte und der Westfälischen Wilhelms-Universität.

Schon lange lebte die Familie an dieser Stelle – zu Beginn nur in den Wintermonaten mit festem Wohnsitz, später jedoch gaben sie ihre Wohnwagen auf und wurden in der Brinkstraße sesshaft – dies jedoch nicht immer ganz freiwillig.

Das Leben rund um die Brinkstraße war vor allem durch die Sinti-, Roma- und jüdischen Familien geprägt. Unter ihnen lebten aber auch ein paar deutsche Familien. Das Zusammenleben und die Nachbarschaft dort waren größtenteils friedlich, wie uns die Nachfahrin der Familie Wagner (eine Urenkelin von Mathilde Wagner) berichtete. Es finden sich aber auch Aussagen darüber, dass das Leben im Kuhviertel nicht immer einträchtig und friedlich gewesen sei und dass es zu Ausgrenzungen einzelner Bevölkerungsgruppen, besonders aber der Sinti-Familien, gekommen sei.

Dieses Viertel war in Münster sicherlich für seine religiöse, kulturelle und ethnische Vielfalt bekannt, in dem viele Menschen bis 1933 noch größtenteils im friedlichen Einklang lebten. In der Münsteraner Bevölkerung hatte das Viertel jedoch zum Teil einen sehr schlechten Ruf. Noch heute sind entsprechende Reimverse darüber bekannt.

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten verschärfte sich die Lage der Sinti und Roma allerdings zusehends: Sie wurden zum Beispiel mit Fingerabdruck registriert, sie mussten sesshaft werden und die Kinder mussten zur Schule gehen. Ab dem 17.10.1939 durften sie ihren Wohnsitz nicht mehr verlassen, was sie bestimmt vor einige Schwierigkeiten gestellt hat. Insgesamt wuchs die Angst vor dem NS-Regime und der Polizei, die auch Generationen später noch zu spüren sein wird.

Als dann 1932 der Urgroßvater Hippolyt Wagner verstarb, wurde seine Frau Mathilde Wagner das Familienoberhaupt und kümmerte sich mit liebevoller Strenge um die Familie. Mathilde und Hippolyt hatten vier Söhne, mit denen sie zusammen auf der Brinkstraße lebten.

In den beiliegenden Gedenkblättern werden wir allerdings nur auf die Geschichte der beiden Söhne Ludwig und Julius sowie auf die von Mathilde Wagner eingehen (die anderen beiden Söhne Josef und Anton waren nicht mit „Zigeunerinnen“ verheiratet und wurden darum nicht als „artfremd“ eingestuft).  Zu diesen beiden Familien, die „artfremd“ eingestuft).  Zu diesen beiden Familien, die deportiert wurden, gehörten: Ludwig, der mit seiner Frau Auguste (geb. Laubinger) vier Kinder (Siegfried, Johann, Herbert und Elise) und Julius, welcher mit seiner Frau Hulda (geb. Steinbach) sieben Kinder hatte (Bruno, Alfred, Friedrich, Julius, Eddy/Edie), wovon zwei, die Zwillinge Oswald und Josef, im KZ Auschwitz-Birkenau zur Welt kamen und dort auch ermordet wurden.

Im März 1943 sind vermutlich noch weitere Familien aus der Brinkstraße deportiert worden. Für die Deportation registriert wurden sie von der Fürsorge sowie von der Schule der Kinder im Kuhviertel. Auf der Meldekarte der Stadt Münster ist als Grund der Festnahme der Familien Wagner das Wort „Zigeuner“ vermerkt. Sie wurde einzig und allein aufgrund des „Auschwitz-Erlasses“ von 1942, auch „Himmler-Erlasses“ genannt, aus Münster fortgebracht – ohne ein gesetzliches Verfahren, ohne Gerichtsurteil.

In Auschwitz-Birkenau wurden beide Familien im „Zigeunerlager“ untergebracht. Ihre Kleidung wurde mit einem schwarzen Winkel gekennzeichnet, womit sie auch äußerlich sofort als „Zigeuner“ zu erkennen waren. Ihrer Lagernummer wurde ein „Z“ vorangestellt, um auch hier auf die Einstufung als „Zigeuner“ (und somit als „artfremd“ und „asozial“) hinzuweisen. Hierher wurden sie aus „rassenhygienischen“ Gründen gebracht, hier im Lager fanden sie alle ihren grausamen Tod.

Durch die maßgebliche Beteiligung der Polizei beim Ausfindigmachen der Familien sowie an der Deportation stiegen auch die Ängste gegenüber dieser. „Solche Ängste verlassen einen nicht“ sagte uns eine nahe Verwandte der Familie, die wir im Rahmen unserer Recherche hier an der Schule interviewen durften.  

Bis zuletzt hatte ihre Mutter immer Angst vor der Polizei und hat sich klein und unscheinbar verhalten, sobald diese in der Nähe war. Dies war der traurige Alltag all derjenigen, die nicht in die „Wertevorstellung“ des NS-Regimes passten.

Mit den folgenden Gedenkblättern, die sich mit dem Familienoberhaupt Mathilde Wagner sowie den Familien ihrer zwei Söhne, die ebenfalls deportiert wurden, beschäftigen, möchten wir die Erinnerung an diese Menschen wachhalten.

Handzeichnung des Kuhviertels von 1930 (das „Zigeunerhaus“ ist eingezeichnet)
Plan: „Zigeunerlager Auschwitz II“ (Birkenau)
Seite aus dem „Hauptbuch Zigeunerlager Auschwitz Birkenau“ 1943-1944; von „Wagner, Ludwig“ bis „Wagner, Eddy“ (kaum lesbar)

Weitere Projektarbeiten